Samstag, 17. September 2016

Classic Confessions: Klassiker in der Schule?

Die Classic-Confessions-Aktion hat sich Antonia von Lauter&Leise ausgedacht. Jeden Mittwoch stellt sie eine Frage aus dem weiten und spannenden Feld der literarischen Klassiker - ganz meine Bühne!

Brauchen wir Klassiker in der Schule?  


Eine gute Frage, diese Woche, eine interessante, und eigentlich auch eine wichtige - und deswegen versuche ich mich mal an einer sehr idealistischen Antwort darauf, auch wenn die Schule jetzt natürlich schon ein Weilchen zurückliegt, und mich zur Zeit weniger beschäftigt. Aber wer weiß schon, wie in künftigen Generationen gelehrt wird, schließlich ist schon unsere Schulzeit kaum mit der unserer Eltern zu vergleichen, mit der unserer Großeltern noch weniger, und wenn wir noch weiter zurückgehen, landen wir in Generationen, die sich wohl glücklich schätzen durften, wenn sie überhaupt Lesen, Schreiben, Rechnen lernten. 

Aber back to topic:

Die Lektüre von Klassikern gehört(e) wohl für die meisten von uns zum Schulalltag. Ich persönlich habe mich damals meistens gefreut, wenn wieder einmal eine neue Kurslektüre angesagt war, irgendwie fand ich die Arbeitsmaterialien und auch die Geschlossenheit des Themas griffiger, als einen Haufen loser Arbeitsblätter und nicht selten etwas desorientierter und fadenverlorener Pädagogen, die nicht ganz wussten, wie sie das ein oder andere vom Kultusministerium für sinnvoll befundene und vorgegebene Thema stringent herüberbringen sollten. Klassiker: Scientific Engineering (oder was auch immer in der Richtung - ich habe bis heute keine Ahnung, was wir in diesem Themenbereich in Englisch behandelt haben!), Dystopien (wieder Englisch - mein Kurs hatte sich bei der Lektüre (fast) einstimmig für Moon Palace und gegen Brave New World entschieden, also blieb von diesem meinen Lieblingsthema, auf das ich so hingefiebert hatte, nur noch heiße Luft während einer Filmsession von Fahrenheit 451, über den sich ein Großteil des Kurses natürlich eher beömmelte, als ihn ernst zu nehmen) oder eigentlich alles in Französisch und Deutsch, das nicht mit irgendeiner Lektüre verknüpft war: Ich habe keine Ahnung mehr, was wir da eigentlich gemacht haben. Woran ich mich noch erinnere: Lektüren, sowohl die angenehmen, als auch die ... weniger angenehmen.
Nur, weil ich immer ein Fan von Schullektüren war, heißt das nämlich nicht, dass ich alles grundsätzlich gern gelesen habe, was man uns so vorgesetzt hat. Ich gebe es ja zu: Tauben im Gras, Un Aller Simple und Hunger sowie Das Tagebuch des Verführers (beides Uni) habe ich bis jetzt nicht zuende lesen können. Ne. Ging nicht. Nichtsdestotrotz kann ich mich an die mit besagten Lektüren zusammenhängenden Unterrichtsinhalte (so es denn welche gab, in Deutsch fiel bei mir in der Oberstufe etwa jede zweite Stunde aus) noch weitestgehend erinnern. 

Warum also hassen so viele Schüler Schullektüren? Ich persönlich denke, dass erst einmal gerade in betreffendem Alter nicht gern gelesen wird - das mache ich allerdings nicht zum Problem meiner Generation, sondern aller Generationen generell, ich glaube, ich kenne Leseratten jeden Alters und genauso equally verteilte Experten, die Bücher nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würden. Eltern sind natürlich ein großes Vorbild, was die Leidenschaft zum Lesen anbelangt - auch wenn ich dieses Argument am Beispiel meiner Familie nicht grundsätzlich stützen kann. Die Ausnahmen, eben. Und dann kommen eben, so im Alter von sechzehn, siebzehn Jahren auch noch diese nervenden Typen in der Schule, die versuchen sollen, einem Literatur schmackhaft zu machen, die sie selbst gelegentlich nicht gelesen haben - dass da der pubertäre Verweigerungsimpuls hervortritt, ist aus meiner Sicht nur allzu verständlich. 

Ginge es bei den Classic-Confessions nicht um Klassiker, sondern um Jugendliteratur, könnte ich mich wohl noch länger ereifern. Ich habe während meiner Schulzeit genau ein gutes Jugendbuch gelesen (The Outsiders), der Rest war einfach hanebüchen und so pseudo-aus-dem-Leben-gegriffen, dass sich eigentlich niemand mit den Charakteren identifizieren konnte. Deswegen habe ich Klassiker meistens lieber gelesen, als moderne Literatur. Trotzdem: Der Funke zum Lesen, auch zum Lesen von Klassikern, wäre bei mir niemals übergesprungen. Zum einen, weil tatsächlich keiner meiner Lehrer (in den entsprechenden Schulfächern) eine wirkliche Leidenschaft für Literatur herüberbringen konnte. Zum anderen, weil kollektiver Unwille natürlich ansteckt. Zum nächsten, weil die Klassiker die wir lasen, gar nicht die Klassiker waren, die ich gerne gelesen hätte. Ich habe oft etwas neidisch (von Shakespeare mal abgesehen!) auf die anderen Kurse geschaut, weil ich deren Lektüren viel spannender fand, als unsere. Einen richtigen literaturgeschichtlichen Überblick habe ich zudem in allen Fächern vermisst. 

Und hier tritt jetzt meine Vision einer - für mich - idealen Schule zutage: Lehrer, die eine mögliche Literaturliste zu den einzelnen literarischen Epochen vorbereiten. Eigenverantwortliches Lesen neben einigen ausgewählten, gemeinsamen Lektüren - ganz ehrlich: Man muss doch nicht für die Besprechung eines kurzen Dramas fünf Wochen ins Land gehen lassen, oder? Abi sollte auf Uni vorbereiten, also: fünf bis sechs Lektüren pro Seminar pro Semester, sprich: ein, maximal zwei Seminarssitzungen pro Lektüre. Reicht. Für die Schule vielleicht etwas mehr. Sagen wir vier oder fünf Sitzungen. Das sind dann aber nur zwei, drei Wochen. Referate oder Paper, die sich mit der eigenverantwortlichen Lektüre beschäftigen. 

Traumvorstellung, die allerdings an einer anderen Sache krankt: Wie viele Schulfächer hat man nochmal in der Oberstufe? Zehn, elf? Oder auch mehr? Und jeder popelige Religions-Grundkurslehrer hält seinen Kurs für genau so wichtig, wie den Mathe- oder Geschichts-LK - womit er aus humanitär-philosophischer-was-auch-immer Sicht vermutlich sogar Recht hat. Aber der Tag eines Schülers hat eben auch nur 24 Stunden. (Dass man nie mehr so viel Zeit hat, wie als Schüler, sei mal außen vor gelassen, aber ich weiß auch, wie es als Landkind ist, das um halb sechs aufstehen muss und nach zehn oder elf Stunden erst um sechs Uhr abends nach Hause kommt und irgendwie noch Arbeit und Hobbys unterbringen muss.) 

Also. Viel Geschwafel, keine Lösung. Ja, wir brauchen Klassiker in der Schule. Nichts vermittelt einen besseren Überblick über vergangene Epochen und deren Literatur, als genau die Bücher, die damals geschrieben und gelesen wurden. Aber: Wir brauchen genau so sehr Lehrer, die die Liebe zur Literatur vermitteln können, die zum eigenverantwortlichen Lesen animieren, die kontroverse Ansichten zur Literatur annehmen (als wenn irgendjemand wüsste, was der Autor "uns damit sagen wollte"). Und ganz dringend brauchen wir eine frische Brise, die durchs Kultusministerium fegt. Am besten The Tempest itself. 

Bin fertig. Ich ziehe mich jetzt mal in mein schnuckeliges Reihenhäuschen in Utopia zurück und beweine das ach-so-miserable deutsche Schulsystem, das ich ja eigentlich immer noch für eines der besseren halte. Und dann überlege ich mir, ob ein Lehramts-Master nicht doch sinnvoller wäre - um dann, Kultusministerium sei Dank, bis ans Ende meiner Tage zu Tauben im Gras unterrichten zu müssen. L'enfer, c'est l'école. Au revoir.

Kommentare:

  1. Dem kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen, allem voran dem Schlußsatz. :D

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  2. Huhu!

    Ich habe mich in der Schule auch meist gefreut, wenn eine neue Lektüre angesagt war! Das einzige Buch, an das ich mich erinnern kann, das ich NICHT mochte, war "Stopfkuchen" - diesen Klassiker fand ich zur Abwechslung mal wirklich total öde. Ich habe aber die meisten Klassiker in dieser Zeit tatsächlich aus eigenem Antrieb aus der Bibliothek ausgeliehen und gelesen.

    "The Outsiders" haben wir auch gelesen, und das Buch fand ich auch wirklich toll.

    Mein Englischlehrer im Englisch-Leistungskurs war sehr gut darin, mit uns einerseits Klassiker im Unterricht zu lesen, und uns andererseits zum eigenverantwortlichen Lesen anzuregen. Mit dem hatten wir wirklich Glück!

    LG,
    Mikka

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  3. Grundsätzlich stimme ich dir da auch zu. Ich fänd es auch viel besser, wenn die Schüler zumindest teilweise ihre Lektüren selbst aussuchen dürften. Es gibt nämlich durchaus eine Menge Klassiker, die ich gerne lesen möchte und die ich auch als Schüler schon gerne gelesen hätte. "Tauben im Gras" stand auf dieser Liste allerdings nicht und da musste ich mich durch jeden der endlosen Sätze durchquälen. The Outsiders mochte ich auch, das musste ich aber leider nicht für die Schule lesen. Dafür aber Fahrenheit 451, was ich allerdings auch schon vorher privat gelesen habe. Also an er Lust, Klassiker zu lesen, ist es generell nicht bei mir gescheitert, sondern einfach an der Auswahl.
    Und du hast Recht, der Lehrer und wie er den Unterricht gestaltet ist wirklich wichtig. Wenn man die Begeisterung für das Buch merkt, hat man selbst auch gleich viel mehr Lust, es zu lesen und sich damit zu beschäftigen, als wenn man merkt dass der Lehrer nur seine Pflicht erledigen will.
    Sehr schöner und umfassender Beitrag :) Deshalb bin ich auch sehr spät dran, ich habe ihn mir zum späteren Lesen abgespeichert und dann einfach vergessen, sorry :D

    Liebe Grüße!

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